Formel 1: Großer Preis von Großbritannien 2015 – Mercedes-Vorschau

1.7.2015. Die Formel 1-Saison 2015 geht beim Großen Preis von Großbritannien in Silverstone in die neunte Runde.

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Aussagen der Fahrer / Teamleitung

Lewis Hamilton

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich zu irgendeinem Zeitpunkt in Österreich meine Bestform erreicht habe. Es war keinesfalls eines meiner glattesten Wochenenden. So gesehen war der zweite Platz unter diesen Umständen keine Katastrophe.

In Silverstone sieht das anders aus. Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, das ich im letzten Jahr hatte, als ich diesen Pokal nach so vielen Jahren wieder vor einem Meer an Fans in der Boxengasse in die Luft strecken durfte. Ganz besonders, da ich einen schwierigen Start ins Wochenende hatte. Dieses Gefühl wird mich ewig begleiten und für mich kommt nichts anderes mehr in Frage. Ich kann mich glücklich schätzen, Fans in aller Welt zu haben. Aber vor deinem Heimpublikum zu gewinnen, ist etwas ganz Besonderes. Wir haben in diesem Jahr ein fantastisches Auto. Es ist sogar noch besser als das von 2014. Diese Strecke sollte ihm liegen. Entsprechend möchte ich das Beste daraus machen. Die Jungs in den Werken verdienen ein großartiges Ergebnis bei unserem Heimrennen und ganz Silverstone soll beim Fallen der schwarz-weiß karierten Flagge erzittern!

Nico Rosberg

Meine Woche in Österreich hätte nicht besser verlaufen können. Abgesehen von meinem Fehler im Qualifying fühlte ich mich von Beginn an in Form. Es war großartig, einen weiteren Sieg einzufahren. Der zusätzliche Testtag am Mittwoch half dem Team, uns auf Silverstone vorzubereiten. Jetzt fühle ich mich bereit, um voll anzugreifen – auf einer Strecke, die ich sehr mag. Das Augenmerk liegt auf dem Abtrieb. Damit sollte sie unserem Auto gut liegen. Außerdem haben wir während des Tests einige nützliche Dinge gelernt. Deshalb bin ich mir sicher, dass wir erneut stark sein werden. Die Zuschauer sind bei diesem Rennen absolut unglaublich. Es herrscht stets eine fantastische Atmosphäre. Natürlich weiß ich, dass sie ihren Favoriten haben! Aber hoffentlich können wir einen guten Zweikampf haben und die Fans von ihren Sitzen reißen. Allen voran natürlich die Jungs aus unseren Werken, die so ein unglaubliches Auto gebaut haben! Es ist klasse, dass sie eine Chance haben, hierher zu kommen und uns in Action zu erleben. An diesem Wochenende geht es darum, ihnen auf diesem Weg etwas zurückzugeben.

Toto Wolff, Mercedes-Benz Motorsportchef

Österreich war in vielerlei Hinsicht ein großartiges Wochenende: Die Performance des Autos übertraf unsere Erwartungen, es war ein fehlerfreies Wochenende in der Box sowie am Kommandostand und beide Fahrer lieferten ein starkes Rennen ab. Wir agieren derzeit auf einem sehr hohen Niveau und unser Ziel ist es, dies bei jedem Rennen zu wiederholen. Dafür müssen wir uns jedoch strecken, denn der Spielraum wird immer geringer und unsere Gegner werden jeden kleinen Ausrutscher ausnutzen. Beim nächsten Rennen in Silverstone kommt es auf Power und Aerodynamik an. Das sollte unserem Auto gut liegen. Hoffentlich ist das der Fall und wir können auch beim Heimrennen für Brackley und Brixworth ein Spitzenergebnis erzielen. Beide Mannschaften erhalten die Gelegenheit, etwas vom Freien Training am Freitag live an der Strecke zu erleben. Ich bin überzeugt, dass sie verdientermaßen stolz darauf sein werden, das Produkt ihrer harten Arbeit auf der Strecke zu sehen. Ihnen und unseren Fans sind wir verpflichtet, eine großartige Show zu bieten. Unsere beiden Fahrer weisen hier beide eine starke Bilanz auf und für Lewis ist es ebenfalls ein Heimrennen. Es sind alle Zutaten für ein richtig spektakuläres Rennwochenende gegeben.

Paddy Lowe, Executive Director (Technical)

Nach einer erfolgreichen Woche in Österreich, inklusive eines Doppelsieges am Sonntag und eines produktiven Tests nach dem Rennwochenende, reisen wir zu einem unserer Heimrennen nach Silverstone. Die Strecke liegt sehr nah an unseren Werken in Brackley und Brixworth. Das bietet allen die Möglichkeit, die Früchte ihrer Arbeit in Aktion zu sehen. Deshalb hoffen wir, ihnen sowie den fantastischen britischen Zuschauern eine gute Performance bieten zu können. Die Strecke in Silverstone besitzt einige Charakteristiken, die ganz anders sind als auf jenen Kursen, auf denen wir zuletzt gefahren sind. Die Strecke ist ein guter Prüfstand für die Aerodynamik, sie belohnt guten Abtrieb und belastet die Bremsen nicht besonders stark. Damit steht sie klar im Kontrast zu Kanada und Österreich. Theoretisch sollte dies den Stärken des W06 entgegenkommen. Dennoch sehen wir nichts als selbstverständlich an. Wir haben uns wie immer gründlich auf dieses Rennen vorbereitet. Es wird einige Aerodynamik-Updates geben und wir werden auch einige Dinge vom Österreich-Test übernehmen. Für Lewis ist es ein wichtiges Wochenende vor seinem Heimpublikum. Gleichzeitig ist es eine Strecke, auf der Nico in der Vergangenheit sehr stark gewesen ist. Drücken wir die Daumen, dass wir den Fans eine gute Show bieten können.

Feature der Woche

Die Kunst des Boxenstopps

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Was ist ein „guter“ Boxenstopp?

Man könnte leicht meinen, dass sich bei einem Boxenstopp alles nur um die Geschwindigkeit dreht. Natürlich arbeitet jedes Team hart daran, die schnellstmöglichen Zeiten zu erzielen. Aber die Geschwindigkeit sollte nie zu Lasten der Zuverlässigkeit fallen. Beim Training kann eine Topmannschaft alle vier Räder in weniger als zwei Sekunden wechseln. Hier oder dort eine Zehntelsekunde zu finden, spielt verglichen mit dem potentiellen Verlust durch einen Fehler jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Sollte ein Rad nicht sofort beim ersten Versuch korrekt befestigt sein, kann sich daraus eine Reihe an Szenarien ergeben. Wenn die Mannschaft den Fehler rechtzeitig bemerkt, wird das Auto länger an der Box festgehalten, während die Radmutter erneut festgezogen werden muss. Das kostet Zeit und möglicherweise auch Positionen. Wenn das Auto hingegen die Box mit einem losen Rad verlässt, allerdings noch in der Boxengasse stehen bleibt oder nach einer Runde zurückkommt, wird eine Strafe für ein ‚Unsafe Release‘ ausgesprochen. Diese ist mindestens eine 10-Sekunden-Stop-and-Go-Strafe. Zusätzlich besteht aber auch die Möglichkeit einer Zurückversetzung in der Startaufstellung beim nächsten Rennen. Im schlimmsten Fall löst sich das Rad gänzlich und das Auto fällt aus. Solchen Situationen müssen die Teams vorbeugen.

Wenn wir uns die Zeiten ansehen: Was ist ein guter Stopp?

Die umfangreichste Messung für die Boxenstopp-Performance bezieht sich nicht einfach nur auf die in der Box verbrachte Zeit. Stattdessen verwendet sie die Zeitmesspunkte am Eingang und am Ausgang der Boxengasse. Diese sind für jeden gleich und bieten damit eine einheitliche Analysemöglichkeit für die Dauer eines kompletten Boxenstopps. Dabei wird sowohl die Performance des Teams als auch des Fahrers abgedeckt. Die im Fernsehen hervorgehobenen Zeiten werden mit dem blanken Auge und einer Stoppuhr gemessen. Sie neigen auch dazu, alleine die in der Box verbrachte Zeit als Schlüsselaspekt eines Stopps anzusehen. Wenn man jedoch das durchschnittliche Ranking über alle bisherigen Saisonrennen 2015 zwischen den Zeitmesspunkten betrachtet, führt die MERCEDES AMG PETRONAS Boxenmannschaft die Tabelle an – und das ohne Fehler oder Positionsverluste als direkte Folge eines Boxenstopps.

Wir haben die Performance der Fahrer und des Teams angesprochen. Was sind die größten Herausforderungen für beide Seiten?

Die Boxenstopps sind wahrscheinlich der beste visuelle Beweis dafür, warum die Formel 1 eine Mannschaftssportart ist. Vom Fahrer wird verlangt, dass er das Auto bis zu einem halben Raddurchmesser – oder der Größe eines handelsüblichen Lineals – genau positioniert. Und das bei bis zu 80 km/h und ohne die Reifen zu blockieren. Dies setzt eine phänomenale Fahrzeugkontrolle voraus. Von der Mannschaft wird verlangt, dass sie unter extremstem Druck cool bleibt, während sie auf dem Boden kniet und ein Auto mit der Geschwindigkeit eines Lastwagens auf der Autobahn heranrast. Die Boxenstoppmannschaft rund um das Auto wird nicht je nach Fahrer verändert. Sie ist eine Mischung aus Teammitgliedern, die eine Reihe von Rollen innerhalb des Rennteams einnehmen. Dabei absolvieren sie nicht nur Fitnesstraining, um sich auf die Ansprüche guter Boxenstopps vorzubereiten. Sie absolvieren auch in jeder Saison tausende von Boxenstoppübungen. Ein guter, sauberer und sicherer Stopp erfordert absolutes Vertrauen von allen Parteien, die im Gleichklang agieren müssen. Wenn sich eine Boxenmannschaft vertraut, wird sie ganz automatisch immer schneller. Zuverlässigkeit sorgt für Vertrauen, Vertrauen fördert die Geschwindigkeit.

Wie kann ein Fahrer die Boxenstopp-Performance beeinflussen?

Die Boxenstopp-Performance eines Fahrers setzt sich aus drei Hauptelementen zusammen. Zunächst einmal wie genau er an der Messlinie in der Box bremsen kann. In einem idealen Szenario ist die Geschwindigkeit beim Passieren dieser Marke für ein oder zwei Zehntel stabil. Zu frühes Bremsen führt dazu, dass noch einmal bis zum Limit beschleunigt werden muss. Zu spätes Bremsen bedeutet, dass das Auto vor dem Überqueren der Messlinie nicht genügend abgebremst wird. Das zweite Element ist das Anbremsen an der Box. Genug, um auf den Markierungen anzuhalten, aber nicht zu früh, damit der Fahrer nicht von der Bremse gehen und dann wieder draufsteigen muss. Der letzte Punkt ist das Wegfahren an der Box. Der entscheidendste Aspekt ist jedoch die Boxeneinfahrt selbst. Der Unterschied zwischen einem Fahrer, der rund und ohne blockierende Räder an die Box fährt, sowie einem Piloten, der die Räder blockiert und zu weit fährt, kann beträchtlich sein. 30 Zentimeter zu spät zu stoppen, kann zum Beispiel bis zu acht Zehntel kosten.

Was verursacht diesen Verlust?

Wenn das Auto in irgendeiner Richtung die Markierungen verfehlt, muss die gesamte Crew ihre Positionen neu ausrichten. Das kostet Zeit. Am schlimmsten ist es, wie bereits erwähnt, zu weit zu fahren. 30 Zentimeter würden in so einem Fall als weit außerhalb der Position angesehen. Gleichzeitig ist dies eine bedeutende Distanz, wenn man die Reichweite eines durchschnittlichen menschlichen Arms bedenkt. Bei solch einem Unterschied gibt es keine Möglichkeit, den Fehler auszugleichen. Das beste Beispiel dafür sind die Jungs mit den Schlagschraubern. Für sie sind die Radmuttern in so einem Fall physisch außer Reichweite. In Extremfällen müssen sie dann den Schlagschrauber herunternehmen, 15-20 cm auf ihren Knien weiter rutschen, den Schlagschrauber wieder in Position bringen und mit der Radmutter verbinden.

Welche weiteren Faktoren können die Boxenstoppzeit beeinträchtigen?

Die Geschwindigkeitsbegrenzungen in der Boxengasse können sich ebenfalls verändern. Auf bestimmten Strecken dürfen die Fahrer nur 60 km/h statt 80 km/h fahren, da es zu gefährlich wäre, schneller zu fahren. Dadurch verlängern sich die Zeiten automatisch. In Melbourne gilt das Limit von 60 km/h für 289 Meter. Der Zeitverlust beträgt dort 21 Sekunden. In Montreal gilt das Boxengassenlimit von 80 km/h auf einer Strecke von 417 Metern. Dort beträgt der Verlust 17 Sekunden. Dies spielt eine entscheidende Rolle, wenn eine Rennstrategie an der Grenze liegt. Abhängig von der Position könnte es auf manchen Strecken über die Renndistanz betrachtet schneller sein, mehr Runden auf einem abgefahrenen Reifensatz zu absolvieren, als einen zusätzlichen Boxenstopp einzulegen. Denn dafür wäre der Verlust in der Boxengasse einfach zu groß. Das Gegenteil gilt zum Teil in Montreal, wo die Boxengassenzeit schnell genug ist, um strategische Optionen zu eröffnen, wenn der Unterschied gering ist.

Ebenfalls ein Faktor können Unterschiede beim Grip-Niveau der Boxengassenoberfläche sein. In Singapur gibt es die beste Traktion aller Strecken im Rennkalender. Dort versehen die Veranstalter den Boden mit einer Schicht Farbe, darauf folgt ein sandartiges Material und dann versiegeln sie alles mit noch mehr Farbe. Es fährt sich wie auf Sandpapier und erzeugt exzellenten Grip. Auf anderen Strecken, vor allem jenen, die nicht oft befahren werden, ist das Grip-Niveau zu Beginn eines Rennwochenendes sehr niedrig. Das Üben von Boxenstopps hilft dabei natürlich, da Gummi gelegt wird. In bestimmten Fällen werden die Fahrer jedoch gebeten, Burnouts in der Box zu absolvieren, um zusätzlich Gummi zu legen.

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